Eine seltsame Begegnung

Wer sich in Zürich auskennt, der weiss von den engen und dunklen Seitengassen des Niederdörfchens, das ein wenig unter der Universität, die weiter oben ihre stolze Kuppel in die Höhe reckte, lag. Ich liebe dieses Viertel, nicht nur liegt es nahe der Zentralbibliothek, es bildet auch eine Ansammlung der verschiedensten Geschäfte, Cafés und anderer interessanter Orte. Man findet dort nicht nur Buchhandlungen, etwa Calligramme, und Antiquariate, sondern auch Bars und Cabaréts – nicht dass ich je eines betreten hätte – sowie das Kultlokal Cabarét Voltaire in dem man zuweilen Hugo Ball und andere Intellektuelle und Künstler antraf. Aber zurück zu den engen Seitengassen und zu der Geschichte, die mit ihnen zusammenhängt. Eines schönen und bereits recht warmen Frühlingsnachmittages, ich glaube es war anfangs Mai, trat ich nach Stunden des Lernens aus der Bibliothek und sog die frische und wohltuende Luft ein. Voller Freude betrachtete ich den blauen und wolkenlosen Himmel und überlegte, was ich mit den verbliebenen Stunden des Tages machen sollte. Die anstehenden Prüfungen würde ich ohne Probleme bestehen, ich hatte also ein wenig freie Zeit zur Verfügung. Ein beinahe kindliches Gefühl von Freiheit ergriff mich und ich stiess ein leises und vergnügtes Lachen hervor, während ich die Vortreppe der Zentralbibliothek heruntertanzte, die Strasse überquerte und das mir so vertraute Viertel betrat. Eine Weile schmökerte ich in den verschiedenen Buchhandlungen und Antiquariaten, bevor ich mich dazu entschloss, die Limmat entlang bis zum Bellevue zu flanieren und mir schliesslich im Café Odeon einen Drink zu gönnen. Zu dieser Zeit war es mir gelungen, erste Gedichte zu veröffentlichten und ein kleinerer Verlag war bereits auf mich aufmerksam geworden und mit dem Vorschlag an mich herangetreten, einen ersten Band von mir zu publizieren. Natürlich hatte ich sofort angenommen und auch wenn Lyriker gemeinhin wenig bis keinen materiellen Gewinn aus ihrem Werk ziehen, hatte ich doch etwas Geld in meinen Taschen und durfte mir deshalb die einen oder anderen Ausgaben durchaus leisten. Gedacht, getan, durch eine dieser engen Seitengassen, von hohen Häuserzeilen vor der Sonne geschützt und deshalb recht düster, begab ich mich hinunter zum Fluss, der heute seicht und träge dahinfloss und seine doch nicht geringe Tiefe durch eine dichte, grünblaue Färbung des Wassers vor neugierigen Blicken verbarg. Langsam und das Licht der sanften Frühlingssonne geniessend spazierte ich fröhlich träumend Richtung See und bemerkte erst nach einer Weile, dass mir ein kleiner Mann in einem schwarzen Mann folgte. Ich hatte ihn schon vorher, in der Gasse bemerkt, mit meinen Augen aber nur gestreift. Dennoch war mir seine, für das warme Wetter unpassende Kleidung Grund zu einem schrägen Lächeln gewesen. Ausserdem war es mir so vorgekommen als hätte er auf mich gewartet oder als schiene er mich zu kennen, hatte er mir doch freundlich zugenickt. Und nun verfolgte mich dieser doch recht merkwürdige Zeitgenosse also, zuerst hiess ich mich einen Narren und achtete nicht weiter auf ihn. Doch als ich dem Café Odeon immer näher kam und der Mann immer noch hinter mir herlief, hatte ich mich dazu durchgerungen, zu akzeptieren, dass ich verfolgt wurde. Die Gründe für ein solches Vorgehen waren mir zwar schleierhaft und ich war nicht weiter beunruhigt, doch an einen Zufall glaubte ich inzwischen nicht mehr. Als ich schliesslich das Café betrat, mir einen Campari Soda bestellte und an einem der Tischchen im Innern Platz nahm – es war nun mit dem aufkommenden Ostwind doch kühler geworden – wurden meine letzten Zweifel von der Tatsache zerstreut, dass sich der Mann – in Gedanken nannte ich ihn leicht amüsiert bereits Mister X – mit undurchdringlicher Miene ebenfalls hineinbegeben hatte und nun direkt auf mich zusteuerte. Mit einer freundlichen Geste nahm ich mein von der Kellnerin im selben Moment gebrachtes Getränk in Empfang und stiess gleichzeitig mit meinem rechten Fuss den Stuhl mir gegenüber ein wenig vom Tisch weg. Belustigt erkannte ich das leichte Zögern von Mister X, bevor er sich mit einem ärgerlichen Zucken des gesamten Körpers zusammenriss und meine kühn vorgebrachte Einladung annahm, sich hinsetzte und ebenfalls eine Bestellung aufgab, ein Glas Brandy. Als er das Glas vor sich stehen hatte, begann er mich nach vorne gebeugt zu mustern. Unwillkürlich tat ich es ihm gleich und studierte seine Gesichtszüge, die, wie auf Grund der vielen Falten leicht festzustellen war, einem etwa Sechzigjährigen gehörten. Mein Gegenüber hatte eine krumme Adlernase, wässrige graue Augen und schwarzes, gelocktes Haar. Zudem trug er einen kurzen, adrett getrimmten Bart. Dessen weisse Haare bildeten einen seltsamen Kontrast zu dem dichten und vollen, dunklen Haupthaar. Nach einer Weile sah sich der Mann kurz um, räusperte sich und stellte dann unvermittelt eine Frage: „Kommen Sie oft hierher?“

Eigentlich hätte ich von der so abrupten Gesprächseröffnung überrascht sein sollen, doch ich hatte mich auf eine Unterhaltung voller Exzentrik eingestellt und antwortete deshalb rasch und ohne Irritierung: „Ja, mir gefällte es hier.“ Dem war tatsächlich so, früher war das Café Treffpunkt der Schwulen und Intellektuellen der Stadt gewesen und auch wenn ich mich zu keiner der beiden Gruppen zählte, mochte ich doch das Gefühl von Weltoffenheit und das Pariser Flair, die dem Lokal mit Seeblick noch immer anhafteten.

Zufrieden lächelte mein Gegenüber: „Sie sehen gesund aus und scheinen gut in Form zu sein.“

„Ich kann nicht klagen.“

Das Lächeln des Mannes verbreiterte sich und seine Augen strahlten vor Glück, es schien als ob ihm mein Wohlbefinden am Herzen läge, vielleicht tat es das ja sogar.

Langsam hob ich mein Glas an und gönnte mir einen Schluck des Campari, sein leicht bitterer Geschmack belebte meinen Geist. Entspannt lehnte ich mich zurück und fragte nun meinerseits: „Sie haben in der Gasse auf mich gewartet, oder?“

„Ja.“

„Woher wussten Sie, dass ich sie durchqueren würde?“

„Ich wusste es einfach.“, fröhlich tat es Mister X mir gleich und lehnte sich auf seinem Stuhl ebenfalls zurück.

„Sie kennen mich?“

„Aber natürlich. Sie dachten doch hoffentlich nicht, dass ich einen Fremden verfolgen würde?“

Ich lachte amüsiert, die Situation erheiterte mich: „Nein, natürlich nicht. Ich vermute, Sie werden mir nicht erzählen, woher Sie mich kennen.“

Ein bedauerndes Kopfschütteln: „Das steht mir nicht zu, es tut mir leid.“

„Schon gut, können Sie mir ihren Namen verraten? Bloss den Vornamen.“, ich rechnete mit einem Nein und war erstaunt als der ältere Mann nach kurzem Zögern einlenkte: „Na gut, ich heisse Francois.“

Überrascht lächelte ich: „Es freut mich Sie kennenzulernen Francois, meinen Namen kennen Sie ja bereits.“

„Ja. Sie studieren doch oder?“

Wieder so ein plötzlicher Themenwechsel. Aber ich nahm es gelassen hin: „Ja, oben an der Universität, im fünften Semester.“

„Im fünften, das ist gut, wirklich gut. Was studieren Sie denn?“, interessiert beugte sich Mister X, nein, sein Name war nun Francois, vor.

„Germanistik und Geschichte.“

Francois klatschte fröhlich in die Hände und jauchzte: „Wunderbar, einfach wunderbar. Gefällt es Ihnen?“

„Ja, ausserordentlich gut sogar. Wissen Sie ich geniesse diese Anregungen und die Inspiration, die man dabei immer wieder erfährt.“

„Das ist toll, wenn ich Ihnen einen Rat geben darf, lassen Sie sich nicht von Ihrem Weg abbringen, von nichts und niemandem. Gehen Sie ihn unbeirrt, es ist schliesslich Ihr Leben. Ich habe auch studiert, in Genf, das ist aber schon lange her. Meine Eltern hielten es für angebracht, dass ich Jura studiere und ich leistete ihrer Aufforderung folge, schloss sogar mit guten Noten ab, aber ich betrieb meine Studien leidenschaftslos und fand keine Befriedigung dabei.“

Bei der Erwähnung von Genf fiel mir der leichte, kaum hörbare französische Akzent auf, der seinen Reden etwas Melodie und Farbe verlieh, ich mochte es. Und auch seine Wortwahl, meine Studien, mes études, zum Beispiel, schien teilweise dem Französischen entlehnt zu sein.

„Ich werde es mir zu Herzen nehmen.“, sagte ich dann, um die einsetzende Stille zu überbrücken. Das entlockte meinem Gegenüber ein neues, noch fröhlicheres Lächeln: „Ausgezeichnet, Sie verzeihen mir bitte, wenn ich zu persönlich geworden bin.“

„Das sind Sie nicht.“, sagte ich leise. Unser Gespräch stockte eine Weile und wir sahen beide zum Fenster hinaus. Vorbeigehenden Passanten wäre, hätten Sie einen Blick auf uns geworfen, aufgefallen, wie ähnlich sich unsere Gesichtsausdrücke in dem Moment waren, träumerisch, melancholisch und doch glücklich.

Schliesslich wandte sich Francois wieder mir zu, mit heiserer Stimme hob er an: „Ich danke Ihnen für die Unterhaltung, ich muss nun leider gehen, aber bleiben Sie ruhig sitzen, die Drinks gehen auf mich.“ Gemächlich erhob er sich und stürzte die Reste seines Brandy herunter, verbeugte sich leicht vor mir und hielt mir dann seine Hand zum Grusse hin. Traurig über das Ende des Gespräches, das ebenso rasch kam, wie sein Anfang, zögerte ich, doch dann schlug ich ein. Es hatte keinen Sinn, sich gegen den Lauf der Dinge zu wehren, alles ging einmal zu Ende, musste enden. Wir sahen uns in die Augen. „Ich danke Ihnen Francois, ich danke Ihnen. Vielleicht sehen wir uns ja eines Tages wieder.“

„Vielleicht, man kann ja nie wissen, aber es scheint mir doch eher unwahrscheinlich.“

„Mir auch.“

„Dann ist das hier ein Abschied.“

„Ja.“

Leise lachend liess er meine Hand los: „Na dann, alles Gute für die Zukunft.“

„Ihnen auch.“, flüsterte ich und schon war er weg. So unauffällig verschwunden wie aufgetaucht.

In Gedanken diese seltsame Begegnung rekapitulierend genoss ich meinen Campari und träumte noch etwas mehr als eine Stunde vor mich hin. Als mein Glas leer war stand ich auf und verliess das Café, um die Bezahlung musste ich mich nicht mehr kümmern, Francois hatte dreissig Franken dagelassen. In der nun einsetzenden Dämmerung war ich einen letzten Blick auf den im Licht der untergehenden Sonne purpurfarbenen See und schlenderte danach immer noch tief in Gedanken versunken zu der nächsten Tramstation auf. Als ich das Gefährt schliesslich bestieg, schüttelte ich die immer noch leicht melancholische Stimmung ab und dachte fortan nicht mehr an das Gespräch. Mit dem letzten Licht des Tages verging auch die Erinnerung an diesen Nachmittag. Es wurde dunkel, alles war ruhig und mit seiner Umgebung im Einklang, mir ging es genauso.