Freiheit. Und wie weiter?

Spätestens seit der Französischen Revolution ist das Thema Freiheit in der westlichen Gesellschaft allgegenwärtig und findet auch in der restlichen Welt Anklang wie beispielsweise die Bewegung des Arabische Frühling bewiesen hat, auf welche weiter unten noch eingegangen werden wird. In der ganzen Geschichte der Freiheit musste sich dieses Prinzip aber auch mit Gegenströmungen auseinandersetzen. Deshalb sollen in diesem Essay, nach einer Definition des hier zu betrachtenden Begriffes, folgende Fragen gestellt werden: Sind die Zweifel an der Freiheit und damit auch an der Demokratie jeweils nur eine kurzfristige Erscheinung? Oder können sie sich länger halten? Und daran anknüpfend: Ist die heutige Kritik berechtigt? Ist die Demokratie ein zweischneidiges Schwert? Wenn ja, was für Alternativen existieren? Und kennen diese Alternativen so etwas wie Humanität und Menschlichkeit? Es ist natürlich klar, dass ein einzelnes Essay wie dieses hier keine abschliessenden Antworten auf solch komplizierte und hoch komplexe Fragen geben, ja gar auch nur eines der angesprochenen Probleme definitiv lösen kann. Über dieses Thema könnten ganze Bücher und Doktorarbeiten geschrieben werden, was selbstverständlich bereits geschehen ist. Spezialisten und Populärwissenschaftler aus aller Herrenländer und allen Fachbereichen, etwa Philosophen, Historiker und Soziologen, haben sich an den aufgeworfenen Fragen abgearbeitet ohne zu einem endgültigen Ergebnis zu kommen, und dies seit hunderten von Jahren. Trotz all dieser Schwierigkeiten versucht sich der vorliegende Text in aller Kürze an dem Konzept der Freiheit und seiner Erläuterung. „Wieso noch ein solcher zum Scheitern verurteilter Versuch?“, werden sich viele Leser nun fragen. Ganz einfach darum, weil die Thematik schlichtweg zu wichtig ist, um auf immer verdrängt zu werden. Und wenn es auch nur gelingt, den einen oder anderen Rezensenten zum Nachdenken anzuregen, dann reicht das schon.

 

In seinem opus magnus, dem Buch Du contrat social, vollzieht der Philosoph und Politikwissenschaftler Jean-Jaques Rousseau eine fundamentale Differenzierung, die hier vollständig und ungekürzt wiedergegeben werden soll: „Was der Mensch durch den Gesellschaftsvertrag verliert, ist seine natürliche Freiheit und ein unbegrenztes Recht auf alles, wonach ihn gelüstet und was er erreichen kann; was er erhält, ist die bürgerliche Freiheit und das Eigentum an allem, was er besitzt. Damit man sich bei diesem Ausgleich nicht täuscht, ist es notwendig, die natürliche Freiheit, die ihre Schranken nur in der Stärke des Individuums findet, deutlich von der bürgerlichen Freiheit zu unterscheiden, die durch den Gemeinwillen begrenzt ist, und den Besitz, der nur eine Folge der Stärke oder des Rechts des ersten Besitznehmers ist, vom Eigentum, das nur auf einen ausdrücklichen Titel gegründet werden kann.“[1] Dies ist insofern wichtig als dass mit dem Eintritt in die Gesellschaft und dem Übergang von der natürlichen zur bürgerlichen Freiheit auch gewisse Schranken einhergehen. Die Schlussfolgerung daraus besteht nun in der Erkenntnis, dass frei zu sein nicht heisst, sich jeden Wunsch und jedes Bedürfnis erfüllen zu können, wann immer und wo immer man will. In der heutigen westlichen Demokratie verbinden aber viele Menschen genau diese sofortige Befriedigung aller Begierden mit dem Begriff der Freiheit, mit dem auch gewisse, oftmals vergessene Pflichten und eine heute kaum mehr wahrgenommene Verantwortung einhergehen.

Doch dazu später mehr, widmen wir uns zunächst der ersten, in der Einleitung angesprochenen Frage: Sind die Zweifel an der Freiheit und damit auch an der Demokratie jeweils nur eine kurzfristige Erscheinung? Der Blick auf die Geschichte zeigt: Nein sie sind es nicht. So beweist der Aufstieg Adolf Hitler und den Nationalsozialisten mittels eines eindeutig anti-demokratischen Parteiprogramms doch eindeutig, dass es Faschisten und anderen Unterstützern von Diktaturen möglich ist, sich über längere Zeiten in der Politik und auf der Ebene des Staates zu etablieren. Und damit noch nicht genug, auch in der Gegenwart, die doch eigentlich aus den vergangenen Zeiten lernen sollte, ist von Ideen und Idealen durchzogen, die der Freiheit fern stehen. Natürlich darf man einen Donald Trump oder auch eine AFD nicht mit den Kriegstreibern des Zweiten Weltkriegs vergleichen, aber dennoch muss festgestellt werden, dass auch heute Gegner der Demokratie und ihrer Rechte noch immer Zulauf finden. Die oben vernommene Frage muss also eindeutig mit Nein beantwortet werden, nein, die Zweifel an der Freiheit sind nicht bloss von kurzer Dauer, sie sind im Gegenteil äusserst langlebig und gegen die Vernunft resistent. Gleichzeitig muss aber auch bemerkt werden, dass die Freiheit niemals wirklich in Vergessenheit geraten ist, stets gab es Gruppen oder Individuen, die sie hochgehalten haben. Gerade das Beispiel des Dritten Reiches illustriert dies hervorragend, man denke doch nur an die Widerstandsgruppe Die weisse Rose rund um die Geschwister Scholl.

Dennoch muss und darf danach gefragt werden, ob zumindest die heutige Kritik an Freiheit und Demokratie bis zu einem gewissen Grade berechtigt sind. Das bereits erwähnte Beispiel des Arabischen Frühlings eignet sich bestens, um die Bedenken bezüglich dem in diesem Essay besprochenen Ideale zu äussern und zu verteidigen. Wie sich im Verlaufe der Kämpfe um die Bürgerrechte im Nahen Osten und in Nordafrika erwiesen hat, kann die Forderung nach mehr Demokratie schnell in Anarchie umschlagen und ein Machtvakuum erzeugen, das einerseits neue Diktaturen, wie in Ägypten, oder aber andererseits terroristische Gruppierungen, wie in Syrien und im Irak, ausfüllen können. Die zeitgenössische Historie der hier aufgelisteten Länder stellt also zumindest dem Schein nach ein Argument zu Gunsten der Demokratiegegner oder auch nur -skeptiker dar. Die Betonung muss aber auf der Wendung „dem Schein nach“ beruhen. Natürlich war die Region vor dem Auftreten des sogenannten Arabischen Frühlings stabiler und sicherer. Natürlich herrschen nun Chaos und Not. Und natürlich stellt die davon ausgehende Flüchtlingskrise ein beinahe unlösbares humanitäres Problem dar, an dem letztlich ganze Regierungen zerbrechen werden. Aber eines darf dabei nicht vergessen werden: Sämtliche der gestürzten Diktatoren, die zugegeben ein Mindestmass an Sicherheit garantiert haben, waren grausame und schreckliche Herrscher, die, nur von der Gewalt legitimiert, die Menschenrechte mit Füssen getreten haben. Das Sich-Zurücksehnen, die Nostalgie betreffend Muammar al-Gaddafi und Co. ist also vollkommen unangebracht. Ein Übel der Gegenwart wie zum Beispiel der Bürgerkrieg in Syrien rechtfertigt keinesfalls ein Übel der Vergangenheit, auch nicht die Gewaltexzesse eines Baschar al-Assad. Die Demokratie ist also tatsächlich eines dieser berühmt berüchtigten zweischneidigen Schwerter, so werden im Namen der Freiheit tagtäglich unsagbare Verbrechen begangen, ohne dass es irgendjemanden kümmern würde. Die Demokratie deswegen aber zu verteufeln ist keine Lösung. Vielmehr müssen wir unser Konzept der Freiheit überdenken. Wie weiter oben bereits angetönt ist es nun an der Zeit über die Pflichten und Verantwortungen zu reden, die zu dem Gesamtpaket der hier besprochenen Privilegien gehören oder zumindest gehören müssten. An dieser Stelle soll nun ein etwas anderer Freiheitsbegriff eingeführt werden, derjenige eines Landsmannes von Rousseau, nämlich von Jean-Paul Sartre, den Sarah Bakewell in der Kollektivbiographie des Existenzialismus sehr schön beschreibt. Dieser namhaften Philosophin und Biographin zu Folge ist das Freiheitsdenken Sartres eng mit der von allen wahrzunehmenden Verantwortung für die ganze Welt verknüpft.[2] Dies mag sich zunächst nach einer äusserst schweren Bürde für den Einzelnen anhören, ist aber die einzig moralische Sichtweise auf die Menschheit und ihrem Bezug zur Gesellschaft und zum Planeten Erde. Jedes Individuum wirr mit dieser Auffassung in die Pflicht genommen, jeder hat Krieg und Genozid zu verantworten, jeder muss sich seiner Schuld bezüglich Klimawandel stellen und jeder muss sich mit dem Hunger und der Armut eines ganzen Kontinentes namens Afrika auseinandersetzen und sich fragen, ob er daran eventuell Teil hat. Dass eine solche Philosophie auf viel Widerstand stiess, noch immer stösst und auch in Zukunft noch immer stossen wird ist so sicher wie das Amen in der Kirche, erlaubt sie uns doch nicht mehr, die Augen vor den aktuellen Geschehnissen zu verschliessen und zu verdrängen, dass wir mit verantwortlich sind. Selbst die erste Aufgabe, die sich aus dem existentialistischen Denken ergibt, nämlich diejenige des Nutzens der Möglichkeiten, welche die westliche Gesellschaft bietet, etwa das Privileg zu wählen und abzustimmen oder sich gar selbst aktiv an der Gestaltung des Staates zu beteiligen, um für eine gerechtere Weltordnung zu kämpfen, überfordert oder langweilt viele Menschen, die sich in der Folge aus dem Politgeschehen heraus halten. Weitergehende Taten wie etwa die Arbeit für eine gemeinnützige Sache oder Idee sind für viele Menschen kaum mehr vorstellbar. Selbstredend gibt es auch Beispiele für das Gegenteil, ja, es stimmt, tagtäglich opfern sich viele Tausend Frauen und Männer für das Wohl aller auf und lassen sich, bewusst oder unbewusst, von den Prinzipien Sartres leiten. Dennoch, sie bilden eine kleine Minderheit, die gegen die Verdrängungsmechanismen der westlichen Hemisphäre ankämpft, sie spielen den Protagonisten in einem tragischen Schauspiel, von dem jeder weiss, dass er am Schluss fallen wird. Es sind diese Verdrängungsmechanismen der eigenen Schuld, die es den treibenden Kräften dieses Landes ermöglichen, ohne schlechtes Gewissen Waffendeals in Milliardenhöhe abzuschliessen. Es sind diese Verdrängungsmechanismen, die es den Menschen erlauben, tausende von Tonnen Lebensmittelreste dem Müllschlucker zu übergeben, während in Afrika Kleinkinder verhungern.

Wenn also der Freiheitsbegriff nicht weit und nicht radikal genug gedacht wird, erweist sich die Demokratie tatsächlich als ein zweischneidiges Schwert. Die Lösung besteht allerdings keinesfalls in der Stärkung des Nationalstaates wie es etwa der Front National oder die AFD fordern, sondern kann nur, wie sich hoffentlich gezeigt hat, in der Wahrnehmung der Verantwortung liegen, welche das Wesen des Menschen mit sich bringt.

Alternativen zur Demokratie sind zwar denkbar, lassen sich aber nur umsetzen, wenn der Gedanke der allseitigen und alles betreffenden Verantwortung mit in das zu errichtende System aufgenommen werden. So geraten Kommunismus und Sozialismus ohne eine feste Moral und ohne das omnipotente Gefühl der Verantwortung schnell zu einer menschenverachtenden Maschinerie des Todes und des Leidens, während Nationalismus und Faschismus noch nie eine Möglichkeit dargestellt haben, setzen sie doch für das Glück einiger weniger die Not vieler voraus. Die einzige Alternative zu dem status quo liegt in der Stärkung der transnationalen Vereinigungen, einer Ausbau des Sozialstaats und der Überbrückung oder gar Nivellierung des Nord-Süd-Grabens sowie der Schliessung der Schere zwischen Arm und Reich. Der Neoliberalismus ist der Umsetzung dieser Ziele dabei mehr im Weg als dass er sie unterstützt, ihn zu überwinden und ein Umdenken voranzubringen muss die erste Aufgabe des Individuums und schliesslich auch der vereinten Völker sein. Ein solches Vorgehen ist nicht nur die einzige Alternative zu der momentanen Situation, sondern auch die einzige humane Handlungsmöglichkeit. Auf die Frage nach dem Verbleiben der Humanität muss deshalb geantwortet werden, dass sie nur in der hier als wünschenswert beschriebenen Zukunft zu suchen sein kann, denn alle anderen Alternativen, einschliesslich der augenblicklichen Situation, sind zutiefst menschenfeindlich und verursachen Leid und sogar Tod von tausenden von Menschen. Wer den Mut aufbringt, sich seines Verstandes zu bedienen und die Verdrängungsmechanismen zu überwinden, der wird erkennen, dass dem so ist, und der wird sich gezwungen sehen zu handeln.

 

Das Ziel dieses Essay war es, die Thematik und die Problematik der Freiheit und damit auch der Demokratie zu untersuchen. Auf eine Definition dieses Begriffspaares nach Rousseau folgten einige Überlegungen bezüglich der Zweifel und Gegner der Demokratie, die schliesslich zu der Frage führten, ob weniger Demokratie wünschenswert wäre. Schliesslich wurde im Verlaufe des Textes versucht, den Freiheitsbegriff Rousseaus um denjenigen von Sartre zu erweitern, der die Menschen noch stärker in die Verantwortung nimmt. Ein letzter Abschnitt war ganz Plädoyer für das Wahrnehmen dieser Verantwortung, die uns der französische Starphilosoph zuschreibt. Dabei wurde auf bestimmte Verdrängungsmechanismen aufmerksam gemacht, derer wir uns so gerne bedienen. Zu guter Letzt wurde nach einer Alternative zum heutigen System gefragt, wobei sowohl Nationalismus als auch Kommunismus als nicht zielführend und unmenschlich dargestellt wurden. Die radikale Anpassung der heutigen Weltordnung nach den Prinzipien der wahrzunehmenden Verantwortung wurde als einziger Ausweg aus der allgegenwärtigen Sackgasse der Schuld postuliert.

Ziel dieses kurzen Textes war es, den Leser zu einem Überdenken seiner Vorstellungen bezüglich der Freiheit zu bringen oder gar ein Umdenken zu verursachen, das nachhaltig Wirkung zeigt. Wenn dies auch nur bei einem Menschen gelungen ist, dann kann dieser Aufsatz, der selbst die Welt verändern möchte, als gelungen gelten, denn wenn er eines zu zeigen versucht hat, dann, dass jeder zählt.

[1] Rousseau, Jean-Jaques: Vom Gesellschaftsvertrag. Oder Grundsätze des Staatsrechts, Stuttgart 2011, S. 23.

[2] Bakewell, Sarah: At the Existentialist Café. Freedom, Being and Apricot Cocktails, London 2017, S. 6-11.