Schweigen von Shūsaku Endō. Eine Rezension.

Vor bald einem Jahr fand die Premiere von Martin Scorseses Film Silence statt, die Kritiken waren mässig bis vernichtend, ja es wurde gar von dem bisher schlechtesten Werk des amerikanischen Regisseurs gesprochen. Ob man den Streifen nun mag oder nicht, eines steht fest: Er hat auf das ihm zu Grunde liegende Buch Schweigen einen langen Schatten geworfen. Dabei handelt es sich bei dem Roman des japanischen Katholiken Shusaku Endo um ein wahres Meisterwerk, das, anno 1969 erschienen, auch oder gerade heute noch von grosser Aktualität ist. Dabei handelt es sich um einen jener Texte, die einem umgehend in ihren Bann ziehen und aus denen es kein Entkommen bis zur letzten Seite gibt. Man muss das Buch einfach fertig lesen und wenn man es schliesslich zur Seite legt, dann bleiben da diese Gedanken, Ideen und Fragen zurück, welche Schicksal und Los des Protagonisten aufgeworfen haben.

 

Doch zuerst zur Handlung. Die Ausgangssituation des historischen Romans, der nach einem kurzen Prolog im Jahr 1637 einsetzt, ist denkbar simpel und eigentlich typisch für das Abenteuergenre: Drei junge Männer, allesamt portugiesische Priester des Jesuitenordens, unter ihnen auch die Hauptfigur Pater Sebastiao Rodrigues, haben Gerüchte vernommen, dass ihr einstiger Lehrer Hochwürden Ferreira angesichts der Christenverfolgungen und der Folter der Kirche abgeschworen hat. Natürlich können sie dies kaum glauben, weshalb sie denn bald den Entschluss fassen, trotz aller Gefahren nach Japan zu reisen, sich in das Land zu schmuggeln und eigene Nachforschungen zu diesen äusserst brisanten Nachrichten anzustellen. Nach einigem Hin und Her seitens ihrer Vorgesetzten in Portugal gelingt es ihnen schliesslich, diese von der Notwendigkeit ihres Vorhabens zu überzeugen, worauf sie mit der nächsten ostindischen Flotte in Richtung Ferner Osten aufbrechen. Dennoch kann das Buch nicht als Abenteuerroman bezeichnet werden, denn je weiter die Geschichte fortschreitet, desto stärker, bedeutender und durchdringender werden die Innenansichten zu Pater Rodrigues. Dies vor allem in zwei Sprüngen: Zum einen mit der Ankunft in Japan und der dort erfahrenen Verfolgung der Christen und zum anderen mit der Gefangennahme des Protagonisten und der Demütigungen und Brutalitäten, die dieser erleiden muss und von denen hier nicht weiter gesprochen werden soll. Dazu passend wachsen mit jeder gelesenen Seite die Zweifel von Sebastiao Rodrigues, bis er sich in aller Konsequenz die Frage stellen muss, warum Gott zu alldem schweigt. Daher der Name des Romans. Als Metapher für dieses Schweigen taucht immer wieder das Meer auf, das zwar so wunderschön und göttlich ist, aber auch den Tod bedeutet und niemals antwortet.

Ständig ändern sich die Perspektiven und die stilistischen Mittel, die Endo anwendet, womit er den Leser einerseits zum Mit- und Nachdenken anregt und ihn andererseits zwingt beständig aufmerksam zu bleiben. Aus diesen und anderen Gründen, etwa der ständigen bedrohlichen Atmosphäre, ist Schweigen keine einfache Lektüre, aber dennoch, die Mühen lohnen sich, denn am Ende findet die Hauptfigur so etwas wie einen inneren Frieden und Versöhnung mit sich und seiner Position in der Welt und zu Gott, aber mehr sei hier nicht verraten.

 

Alles in allem dürfte Schweigen zu den modernen Klassikern zu zählen sein. Und auch wenn die Religion ein wichtiger Bestandteil des Romans ist, muss man nicht zwangsläufig gläubig sein, um Interesse zu empfinden, behandelt er doch Fragen und Ängste, die jeder fühlende Mensch kennt. Zudem regt seine Lektüre auch zu weiterführenden Nachforschungen an, etwa zu dem Begriff der Theodizee, will heissen zur Rechtfertigung Gottes angesichts all der Übel in dieser Welt. Denn letztlich ist Schweigen genau das, eine persönlich psychologische Theodizee, die auf so schlichte wie lebendige Art und Weise entfaltet wird.

Shūsaku Endō, „Schweigen“. Septime Verlag, Wien 2015. 310 Seiten.