Der grosse Meaulnes von Henri Alain-Fournier. Eine Rezension.

Mitten in seinem einzigen Roman schreibt der französische Autor Henri Alain-Fournier, der viel zu früh, in den Wirren des Ersten Weltkrieges als junger Mann verstarb, Folgendes: „Zum ersten Mal verspürte Meaulnes die leichte Angst, die einen manchmal am Ende eines allzu schönen Tages überkommt.“[1] Und auch wir Leser spüren diese Angst, am Ende jeder Seite, Angst, dass dieses wunderschöne Buch einmal endet, Angst, dass wir nicht ewig in diesem grossartigen Feuerwerk von Melancholie und Traurigkeit treiben können. Es handelt sich bei diesem Meisterwerk der Romantik um einen ohnehin schon kurzen Roman von knapp 320 Seiten, der einem auf Grund seines sprachlichen Rhythmus und seines gelungenen Spannungsaufbaus sowie der zahlreichen Rätsel und Geheimnisse, die schliesslich alle aufgelöst werden, indem die Erzählstränge gegen den Schluss hin geschickt verknüpft werden, noch kürzer erscheint. Und wenn man das Buch, innert weniger Tage oder gar Stunden verschlungen, wieder zur Seite legt, dann würde man Alain-Fournier tausend erfüllte Leben wünschen, aus reinem Egoismus, nur dass er tausend solcher Texte verfassen könnte.

All die grossen Themen der Weltliteratur werden behandelt, da sind Freundschaft und Rivalität und Liebe und Hass, da sind Sehnsucht und Fernweh und Leben und Tod und da sind Schuld und Sühne und Unschuld und Vergänglichkeit.

 

Doch um was geht es konkret? Die Ausgangslage ist denkbar simpel: Zuerst wird der Ich-Erzähler vorgestellt, von dem wir im Verlaufe der Geschichte immer mehr erfahren und mit dem wir mitfiebern und mitleiden und aus dessen Perspektive wir die ganze Geschichte wahrnehmen. Sein Name lautet Francois Seurel und er ist ein eher einsames Kind, auch weil er an einem Knieproblem leidet und deshalb nicht an den Spielen der Gleichaltrigen teilnehmen darf und kann. Als die Erzählung einsetzt ist er etwa fünfzehn Jahre alt und steht ohne Freunde da. Dies ändert sich schlagartig als Augustin Meaulnes in sein Leben tritt, der beinahe sofort zum Kameraden des jungen Seurel wird. Von nun an verbringen die beiden ihre ganze Kindheit und Jugend miteinander, schlafen gar im selben Zimmer.

Und auch wenn wir, wie bereits erwähnt, alles aus dem Blickwinkel des Francois Seurel erfahren und betrachten, der ja schliesslich auch eine interessante Entwicklung durchläuft, besteht kein Zweifel, dass die titelgebende Figur auch Protagonist der Geschichte ist. Augustin Meaulnes ist ganz der klassische tragische Held eines antiken Schauspiels, dies weil er weiss, dass er zum Scheitern verurteilt ist und dennoch gegen sein Schicksal ankämpft. Doch was für ein Schicksal ist dies? Es ist das Los eines Suchenden, der niemals findet. Um dies zu verstehen, muss man sich die Geschehnisse des Romans vor Augen führen. Ohne zu viel zu verraten, kann man an dieser Stelle berichten, dass der Held der Geschichte zu Beginn des Buches für einige Tage spurlos verschwindet. Nach seiner Rückkehr unter die Lebenden ist er dann nicht mehr derselbe, eine gewisse Gehetztheit und Rastlosigkeit hat von ihm Besitz ergriffen. Aus seinen Reden geht hervor, dass er sich verirrt hat und auf ein verwunschenes Schloss gestossen ist, das gerade gewaltigen Festlichkeiten Raum bot. Meaulnes ist von nun an ein anderer, er will unbedingt zurück in sein gelobtes Land und der Ich-Erzähler unterstützt ihn bei der Suche, selbst ein bisschen neugierig, aber lange nicht so getrieben wie sein älterer Freund, der denn auch erklärt: „Aber wie soll ein Mensch, der einmal einen Fuss ins Paradies gesetzt hat, sich nachher mit dem Leben abfinden, das gewöhnliche Sterbliche führen?“[2] Dieses ganze Streben nach dem auf immer Verlorenen und die Opfer, die es fordert, nehmen den Hauptteil des Romans ein, dass alle Mühen schliesslich vergebens sind und Meaulnes ein ewig Suchender bleibt, ist von Anfang an klar und muss vor den Leserinnen und Lesern dieser Rezension nicht verborgen werden. Dass sich Augustin Meaulnes gegen das Unausweichliche stämmt und deshalb auf ewig ein Umherirrender bleiben wird, das macht seine Grösse aus. Es spricht für die Literarizität des Romans, dass seine Hauptfigur dabei durchaus als ambivalent zu beschreiben ist, zerstört sie doch in ihrer Grösse auch Glück und Leben von weniger gewaltigen Erscheinungen, über die sie einfach hinwegrollt, ohne sich um die Konsequenzen und Folgen ihres Verhaltens zu kümmern.

 

Alles in allem muss festgestellt werden, dass Der grosse Meaulnes ein Jahrhundertbuch darstellt, das leider viel zu wenig bekannt ist. Dabei bietet es so viel, für den nicht wissenschaftlich geschulten Leser, der sich harmlos an dem Werk erfreuen kann, ebenso wie für den Literaten, dem sich viele Interpretationsmöglichkeiten anbieten und der das technisch-stilistische Mittel der romantischen Ironie immer wieder erkennen wird. Von solchen Lektüreansätzen soll hier nur eine genannt werden: Der grosse Meaulnes kann als eine einzige Metapher für die verlorene Kindheit und Jugend betrachtet werden, wobei insbesondere das Schloss als Symbol für die auf immer zurückgelassene Unschuld und Begeisterungsfähigkeit der jungen Jahre fungiert. Es ist dies ein Thema und Motiv, das alle kennen, jeder von uns spürt manchmal diese Sehnsucht nach dem Vergangenen in sich und vielleicht ist es gerade ein solcher Wiedererkennungswert, der in dem Leser des Romans die Melancholie und Traurigkeit einer ganzen Epoche auslöst, das Leiden der Figuren fühlbar macht.

 

[1] Alain-Fournier, Henri: Der grosse Meaulnes, München/Wien 2014, S. 99.

[2] Ebd. S. 221.

Henri Alain-Fournier, „Der grosse Meaulnes“. Thiele Verlag, München und Wien 2014. 317 Seiten.