Der Fischer

Der Fischer

 

Manchmal besuchte ich in den Sommerferien für ein paar Tage meinen Onkel in Schwerzenbach, nahe Zürich. D., so hiess der ältere Bruder meiner Mutter, war ein Mann mit join de vivre, er liebte es zu reisen, liebte das gute Essen und dazu eine gute Flasche Wein. Er war ein Mann mit Verständnis für die Jungen, ein Mann mit Humor. Ich mochte seine Gesellschaft und die Umgebung, in der er lebte und nicht nur in meiner Kindheit bewunderte ich ihn. Es war Mitte Juni als ich wieder einmal zwei oder vielleicht auch drei Tage bei ihm verbrachte und schon am ersten Tag herrschte brütende Hitze. Nach einem ausgiebigen und späten Frühstück entschloss ich mich dazu, dem zum Trotz einen Spaziergang entlang des Greifensees zu unternehmen. Zwar würde ich sicherlich ins Schwitzen geraten, doch das Kühle Wasser des Sees und das Schilfgras und die schattenspendenden Laubbäume würden mich vor dem schlimmsten bewahren und es mir erlauben, den schönen Tag mit dem makellos hellblauen Himmel, dem Gezwitscher der Vögel und dem sanften Spiel der Wellen draussen im Freien zu geniessen. Zügig packte ich eine grosse Flasche Mineralwasser, etwas Verpflegung, Sonnencreme und ein gutes Buch in meinen Rucksack und zog mein weisses, langärmliges Leinenhemd, kurze Hosen und leichte, aber gut besohlte Schuhe an. Beim Verlassen der Wohnung schob ich mir meine Sonnenbrille auf die Nase und setzte mir den weiten Strohhut auf den Kopf. So vorbereitet und guten Mutes machte ich mich auf den Weg. Leise vor mich hinpfeifend bahnte ich mir meinen Weg durch Schwerzenbach und anschliessen durch Fällanden. Gutgelaunte Menschen grüssten mich und einer der letzten Kioskbetreiber der zwei Dörfer – viele seiner Kollegen waren inzwischen der immer näher rückenden Grossstadt und der Agglomeration, sowie den guten Verkehrsverbindungen zum Opfer gefallen – rief mir einen Gruss zu und versuchte mich für eine seiner vielen Zeitungen zu begeistern. Lachend winkte ich ab und ging weiter unbeirrt meines Weges, bald verliess ich die letzten Häuserzeilen und betrat einen leicht abfallenden Feldweg, zu dem sich parallel dazu ein kleiner Kanal durch die Wiesen immerzu dem See entgegen schlängelte. Aber nicht nur der schmale Wasserlauf kündigte mir den Greifensee an, ich vermochte ihn nun zu riechen – die meisten Menschen glauben, dass man bloss das Meer mit der Nase ausfindig machen könne und dies auch nur auf Grund seines Salzgehaltes, aber das stimmt nicht, wenn ich mich anstrengte, gelang es mir den Modergeruch des Uferschlammes und die Kühle des nahen Gewässers zu riechen. Unwillkürlich beschleunigten sich meine Schritte, ohne dass ich Notiz davon nahm. Bald erreichte ich das Ufer des von mir so geliebten Sees und legte im Schatten einer hohen Buche eine erste Rast ein. Um von dem vor der gleisenden Sonne schützenden letzten Haus Fällandens hierher zu gelangen hatte ich etwa eine Viertelstunde im prallen Licht gehen müssen und nun fiel mir auf, dass mir der Schweiss bereits in Strömen herunterlief. Doch ich liess mich davon nicht entmutigen und wartete bis meine Haut wieder ein wenig trockener war, um mir dann Sonnencreme über das Gesicht zu verteilen und die Beine damit einzureiben. Danach schlenderte ich in einem gemächlicheren Tempo weiter und war stets darauf bedacht, mich immer in Wassernähe und unter den Bäumen fortzubewegen. Es dauerte nicht lange bis ich in einer kleinen Einbuchtung einen sich an den Stamm einer mächtigen Eiche anlehnenden, schon etwas älteren und vor sich hindösenden Fischer antraf. Das erstaunte mich nun doch, war ich doch selbst ein passionierte Angler und wusste, dass bei dieser Hitze, um diese Uhrzeit und vor allem bei dieser doch geringen Wassertiefe – der Zapfen schaukelte nur zehn oder zwanzig Meter vom Ufer entfernt auf den seichten Wellen – nie und nimmer ein Fisch anbeissen würde. Etwas verwirrt, aber doch auch neugierig näherte ich mich dem Mann und berührte ihn sanft an der Schulter, langsam drehte er sich um. „Guten Tag.“, sagte ich.

„Guten Tag.“, antwortete mein Gegenüber gutmütig.

„Ein schöner Tag, finden Sie nicht auch?“, etwas verlegen und ohne zu wissen, wie ich auf die Frage zu sprechen kommen sollte, die mich beschäftigte, blickte ich verträumt auf das dunkelblaue Wasser hinaus.

„Sehr schön.“, der Fischer, der seine Rute nun in eine Haltevorrichtung gestellt und sich mir zugewandt hatte, brummte zustimmend und blinzelte mich amüsiert an. Es schien, als ob er genau wusste, was mich umtrieb und als ob es ihn belustigte, dass ich ihn und sein Treiben nicht verstand.

„Sind Sie schon lange hier?“, ich versuchte tapfer meine Würde zu bewahren.

Der Fischer lächelte freundlich: „Erst seit etwa einer Stunde.“

„Kommen Sie oft um diese Uhrzeit hierher?“

„Ja.“, gleichzeitig ein Nicken.

„Bei dieser Wetterlage?“

Wieder ein Nicken: „Ja, natürlich.“

Gespannt beugte ich mich vor und riss mich von dem Anblick der Wellen los: „Und, haben Sie heute schon etwas gefangen?“

„Nein.“

„Fangen Sie je etwas?“, ich sah ihn zweifelnd an.

„Nein, natürlich nicht. Ich bitte Sie, bei der Hitze.“

„Ah, verstehe.“, ich verstand überhaupt nichts.

Verunsichert widmete ich meine Aufmerksamkeit wieder dem Wasser, das nun mit leichten Plätschern um das hohe, tiefgrüne Schilfgras spielte. Um die Stille zu überbrücken sagte ich schliesslich: „Sie haben recht, es ist wirklich heiss.“

„Sehr heiss.“

Ein leichter Wind kam auf, brachte allerdings kaum Erfrischung, war bloss quälende Hoffnung auf sanfte Kühle eines Spätsommertages. Dennoch reckte ich unwillkürlich mein Gesicht den warmen und luftigen Böen entgegen: Mögen Sie es auch, dieses Gefühl von Freiheit, wenn Sie der Wind fröhlich und ungebändigt umtanzt? Ich stelle mir dann immer vor, ich sei ein vom Herbst gerötetes Blatt, gelöst von den Fesseln, die mich an den Baum gebunden haben und bereit hinfort zu fliegen.“

Der Fischer nickte: „Ich hätte es nicht so schön ausdrücken können, aber ja, genau so fühlt es sich an. Einfach wunderbar.“

Nun sah mich der Mann an, lächelnd und mit funkelnden Augen, so als wüsste er etwas, das ich eigentlich auch wissen sollte und auch bald wissen würde, aber eben noch nicht wusste, noch nicht verstand.

Ich zögerte, der Blick meines Gegenüber hatte mich ermutigt, endlich überwand ich mich und stellte die Frage, die mich schon seit Beginn unseres Gespräches beschäftigte: „Aber was machen Sie hier? Ich meine, wenn Sie schon nichts fangen. Entschuldigen Sie bitte die Frage, ich weiss, es geht mich nichts an.

„Schon in Ordnung. Ich werde Ihre Frage mit einer Gegenfrage beantworten. Wieso gehen Sie spazieren?“

„Um an der frischen Luft zu sein, den Tag zu geniessen. Vielleicht auch um nachzudenken, das Leben zu leben.“, langsam Begriff ich.

„Sehen Sie, mir geht es genauso. Alles was ich mir wünschen kann, finde ich hier. Die Sonne scheint, eine Eiche bietet mir ihren Schatten zum Schutz an, das Wasser schaukelt fröhlich vor sich hin und flüstert mir leise zu, ein sanfter Wind umspielt mich und die Luft duftet herrlich nach Moder, Schilf und Feuchtigkeit und kein Fisch stört meine Ruhe. Ungestört denke ich über das Leben nach und erfreue mich ganz einfach am Sein. Sie verstehen mich, das sehe ich.“ Ein Lächeln, das das seinige widerspiegelte, hatte sich auf mein Gesicht gestohlen, er hatte es auf der glänzenden Scheibe der Wasseroberfläche entdeckt.

„Ja ich verstehe Sie, natürlich. Sie sind ein glücklicher Mensch, mein Freund.“, wieder schaute ich auf den See hinaus, diesmal allerdings voller Ruhe und Gelassenheit, Anspannung und Neugier waren gewichen, hatten sich mit den Wellen zurückgezogen.

„Ich bin glücklich.“

Ich nickte: „Dafür bewundere ich Sie. Na dann, ich lasse Sie dann mal mit dem Wasser alleine und gehe meiner Wege.“

„Tun Sie das, wohin Sie ihre Füsse auch immer tragen.“, mein Gegenüber lächelte immer noch.

„Wir werden uns vielleicht einmal wieder sehen.“, ich hoffte es.

„Ich hoffe es, bis dahin erfreuen wir uns einfach an der Luft und der Sonne und dem Wind und dem Wasser.“

„Ja.“, ich spürte neue Zuversicht in mir aufsteigen, „Ja, an der Luft und der Sonne und dem Wind und dem Wasser.“

Mit beschwingten Schritten folgte ich weiter dem schmalen Weg entlang des Wassers und während ich den Wellen und dem Rascheln des leichten Windes in den Blättern des kleinen Laubwaldes lauschte, liess ich den Mann unter der Eiche am See zurück und dachte darüber nach, dass ich vielleicht doch nicht so viel vom Fischen wusste, wie ich bisher angenommen hatte.