Das Rauschen des Nichts

Ich stehe im Regen, in Schwarz gekleidet, mitten unter einer Gruppe von Trauernden. Ich weiss nicht, was ich hier eigentlich soll und fühle mich seltsam verloren. Eine süss sanfte Melancholie hält mich in phantasmagorischen Tagträumen gefangen. Natürlich versuche ich mich zu konzentrieren, auf die Stimme des Pfarrers, auf die Tränen der Angehörigen, auf den Wind, der leise durch meine gelockten Haare streift. Dennoch, es gelingt mir nicht, immer wieder drifte ich in Gedanken ab und fühle mich deplatziert, fremd. Eigentlich müsste ich ja weinen, mein ältester Freund ist tot und sein Körper wird nun in einem schlichten Holzsarg in die Grube hinuntergelassen, die gestern ausgehoben wurde. Aber es gelingt mir einfach nicht so etwas wie Reue oder Wehmut zu empfinden, denn wenn ich ehrlich bin, muss ich mir und der Welt eingestehen, dass ich schon lange mit den heutigen Ereignissen gerechnet habe, sie sind Resultat einer langen Kausalkette, die ich aus sicherer Ferne beobachtet habe. Und nun, da das Ende dieser Kette des Verderbens erreicht ist, erlebe ich zum ersten Mal in meinem Leben ein Gefühl der Machtlosigkeit, das ich nicht einmal während meiner Erkrankung und ihrem abrupten Ausbruch verspürt habe. Ich bedauere das Schicksal, das unabwendbare Schicksal, das mich hierher und meinen Freund unter die Erde geführt hat. Inzwischen bin ich bis auf die Haut durchnässt, aber ich bringe es einfach nicht über mich, den Schirm aufzuspannen, schliesslich verheisst der Regen ja so etwas wie Reinigung, Reinigung von den Sünden. Ich hätte meinem Freund helfen, hätte ihm aus dem Sumpf helfen sollen, in den er sich mutwillig gestürzt hatte, vielleicht aus Verzweiflung, vielleicht aus Langeweile, aber was spielt das schon für eine Rolle angesichts des Todes. Der Tod ist, wie ich nun erkenne, absolut. Und weil ich nicht an ein Jenseits glaube, weiss ich, dass er in das tiefe Schwarz des Nichts, das unser Sein umringt und es jeden Augenblick in Frage stellt, eingegangen ist. Es gibt keinen Trost, keine Wiedergutmachung, da ist nur die Kälte der Nacht. Langsam beginne ich zu frieren, mich fröstelt, der Wind ist stärker geworden und dringt jetzt bis in die Knochen. Weiterhin lausche ich dem Sermon des Pfarrers nur mit halber Aufmerksamkeit, aber als der Vertreter Gottes auf Erden mit seiner Predigt endet, tauche ich aus dem Abgrund des Nachdenkens auf und reihe mich in die Schlange ein, die nun an dem Grab vorbeizieht und jedes ihrer Glieder ein wenig Erde über den Sarg streuen lässt. Und dann bin ich am Zug, ich ergreife die Materie und schleudere sie beinahe wütend in das Loch der Leere. Ich weiss allerdings nicht, auf wen ich zornig bin. Auf meinen Freund, der mich ratlos und in Bitternis zurücklässt? Auf einen Gott, an den ich nicht glaube? Auf den Lauf der Welt, den ich nicht ändern kann? Die Fragen sind da, die Antworten bleiben aus, gegen das Schweigen der Welt kann ich nicht ankommen. Das Ende hat, wie ich zugeben muss, etwas Existenzialistisches, es wirft einen zurück auf das eigene innere Sein, das sich schluchzend zu Wort meldet. Mechanisch wende ich mich von dem Sarg in der Tiefe ab und mechanisch strebe ich auf die Hinterbliebenen zu, den Vater, die Mutter und die beiden jüngeren Schwestern. Als ich ihnen allen die Hand schüttle blicke ich beschämt zu Boden, ich hätte etwas tun müssen, ich wusste welche böse Überraschung die Geschichte bereithalten würde, und dennoch habe ich nichts getan. Angewidert blicke ich für einen Moment der Ewigkeit in die Gesichter und ich bin mir nicht sicher, was ich sehe: Mit grosser Wahrscheinlichkeit Hass, Hass, der sich in ihre Seele frisst, bis sie eines Tages aufwachen und mit allem abgeschlossen haben werden. Ich sehe aber auch Anklage, sie suchen einen Schuldigen und meinen ihn in mir zu finden. Aber vielleicht bilde ich mir das alles auch nur ein. Vielleicht bleibt ihnen auch nichts anderes als Trauer und schreiende Einsamkeit. Dann gehe ich weiter und gemeinsam mit den anderen Gästen dieses letzten Tanzes begebe ich mich in das nahe gelegene Gasthaus, um an dem Leichenschmaus teilzuhaben. Noch so ein seltsamer Brauch, vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass der Betrauerte jung und elendiglich gestorben ist und es absolut nichts zu feiern gibt. Auf ein langes und erfülltes Leben anzustossen mag ja noch einigermassen angebracht sein, aber hier wird aus dieser Sitte bittere Ironie, verbunden mit kalt berechnendem Sarkasmus.

Nach dem ersten Glas Wein wird die Stimmung ein wenig lockerer und es setzen erste Gespräche ein, über wenig verbindliche Themen wie das Wetter und den einziehenden Winter. Doch irgendwann vernehme ich sensationslüsterne Reden hinter vorgehaltener Hand? War es ein Unfall? War es Selbstmord? Hat er sich dazu entschieden von uns zu gehen oder wollte er bloss einen neuen und aufregenden Kick erleben? Niemand weiss es, niemand wird es je wissen und trotzdem sprechen alle davon. Nun schnürt mir der Ekel schon beinahe die Kehle zu. Der Ekel vor dem Menschen, der Ekel vor diesen tratschenden Mengen, die nichts Besseres zu tun haben als wispernd Vermutungen zu äussern, die immer radikaler und extremer werden, während die Angehörigen verloren und allein an einem der schlichten Holztische sitzen und noch immer nicht realisieren, dass er für immer ruhen wird, dass seine Schreie verstummen und dass sich sein Lächeln jetzt allmählich zur Fratze einer Totenmaske verzieht. Eigentlich möchte ich eingreifen, irgendetwas unternehmen, um diese Diskussionen, die mir wie Hohn erscheinen, auf immer zu beenden. Es gelingt mir nicht. Ich bleibe sitzen und versuche zu verdrängen, was ich höre. Es gelingt mir nicht. Und dann sehe ich meinen Freund vor mir, vor meinem inneren Auge, wie er immer mehr dem Rauschgift verfällt. Und ich schweige. Und die Welt schweigt. Gott schweigt. Stille. Ein Zustand des Wahns nimmt mich in Besitz wie ich hier wortlos auf meinem Platz verharre und nichts unternehme, weil es nichts zu tun gibt. Er ist verloren, und so auch ein Teil von mir. Und ich werde ihn niemals wiederfinden, denn er ist mit ihm gestorben. Das ewige Schwarz hat ihn wieder. Ich höre wie es melodiös flüstert und wispert und versucht, auch mich heimzuholen. Das Rauschen des Nichts ist in meinen Gedanken. Und ich schweige.