Väter und Söhne von Iwan Turgenjew. Eine Rezension.

Während praktisch jedermann von den klingenden Namen Puschkin, Tolstoi und Dostojewski gehört hat, ist der Autor Iwan Turgenjew kaum jemandem bekannt. Zu Unrecht, wie die vor kurzem erschienene Ausgabe seines Romans Väter und Söhne, neu und brillant übersetzt von Ganna-Maria Braungardt, zeigt. Doch um was geht es in diesem vergessenen Stück Weltliteratur überhaupt?

Die Handlung setzt am 20. Mai 1859 ein. Ein Herr mittleren Alters, Nikolai Petrowitsch Kirsanow, wartet auf einem Ausspannhof auf seinen Sohn Arkadi, der nach dem Erwerben des akademischen Titels Kandidat aus St. Petersburg aufs Land zurückkehrt, um für eine Weile an dem Ort seiner Kindheit und Jugend zu verweilen. Doch wie sich zeigt, kommt Arkadi nicht alleine, nein, er bringt seinen Freund und philosophischen Lehrer mit sich, Jewgeni Wassiljewitsch Basarow, eine genial gezeichnete, ebenso schillernde wie abgründige Figur. Basarow bezeichnet sich selbst als Nihilist, ein Novum nicht nur in der russischen Literatur. Auf die Frage, was das denn bedeute, antwortet Arkadi, ganz der eifrige Schüler des studierten Arztes, wie folgt: „Ein Nihilist ist jemand, der sich keinen Autoritäten beugt, der kein einziges Prinzip bedingungslos akzeptiert, egal, wie sehr es geschätzt wird.“[1] Wenn man diesen Satz liest, versteht man das revolutionäre Potential, das in einer solchen Welthaltung liegt. Und man versteht auch, weshalb der Nihilismus eines Basarow sowohl anziehend als auch beängstigend und abschreckend wirken kann. In dem Roman von Turgenjew finden sich beide Szenarien wieder. Da ist einerseits der junge Arkadi, der den Ansichten bezüglich der menschlichen Existenz, der Gattung Homo sapiens könnte man sagen, vollkommen ergeben ist. Und da ist andererseits Arkadis Onkel Pawel Kirsanow, ein traditionalistischer Aristokrat, der seinen gesamten Wertehorizont von einem Mann bedroht sieht, der nur vernichten will. „Sie lehnen alles ab, genauer gesagt, Sie zerstören alles … aber man muss doch auch aufbauen.“[2], wendet sich Nikolai Kirsanow an Basarow, worauf hin dieser erwidert: „Das ist nicht mehr unsere Sache … Erst muss aufgeräumt werden.“[3] Solche Äusserungen, welche die gesamte bisherige Ordnung in Frage stellen, müssen Pawel Kirsanow natürlich provozieren, weshalb denn dieser sich immer wieder mit Basarow in Wortgefechten und schliesslich sogar mit Pistolen duelliert. Von solchen Streitgesprächen, von solchen Dialogen lebt der hier vorgestellte Roman. Noch interessanter sind jedoch die zweifelnden Figuren, etwa der Vater von Arkadi, der bekümmert über die Ansichten von Arkadi und Basarow sinniert und sich fragt, ob seine eigenen Überzeugungen und Werte veraltet sind. Oder auch Arkadi selbst, dem es nie ganz gelingt, die sogenannt materialistische Linie zu verfolgen und sich auch an dem Unnützen, beispielsweise der Natur und der Musik, erfreut, die Basarow beide rigide ablehnt und den Präferenzen seines Freundes und Schülers mit leisem bis unverhohlenen Spott begegnet.

Seinen Höhepunkt erreicht der Roman dann als sich die beiden Freunde in dieselbe Frau verlieben, und das obwohl die Liebe nicht mit ihren Überzeugungen vereinbar ist, in ihren Augen ein veraltetes Konstrukt darstellt, das wie alle anderen Werte der Väter abgelehnt werden soll. Sowohl Arkadi als auch Basarow müssen sich in der Folge mit dieser Infragestellung ihrer Lehre auseinandersetzen. Sind die Ideale der Väter etwa doch nicht vollständig zu verwerfen. Auf diese Fragen finden die beiden in der Folge unterschiedliche, vielleicht sogar versöhnliche Antworten, ihre Freundschaft aber zerbricht.

Der von dem Titel Väter und Söhne, eine korrektere Übersetzung wäre eigentlich Väter und Kinder, indizierte Generationenkonflikt weckt in dem Leser die Vorstellung eines Kampfes, bei welchem zwei Weltsichten innerhalb eines Schemas aufeinander treffen, das von einer klaren Grenzziehung zwischen den Fronten geprägt ist. Dem ist in dem Roman aber nicht so. Die Lager sind keineswegs eindeutig getrennt, immer wieder kommt es zu Verwischungen, die Zweifel in den Figuren säen und diese zu einem Überdenken der eigenen Ideale zwingen. Man kann Väter und Söhne deshalb vielleicht einen dialektischen Charakter zusprechen, aus These und Antithese entsteht die Synthese, eine neue Form wird gefunden. Keiner der Protagonisten entzieht sich diesem Prozess, der zu einer eingehenderen Kenntnis des Selbst führt und letztlich dafür sorgt, dass die Geschichte um Basarow und Arkadi in den Tiefen und Untiefen der Gefühle und Wünsche und Träume stattfindet.

Es sind unter anderem diese psychologischen Elemente, gepaart mit philosophischen Denksystemen, die dem Roman seine Spannung verleihen. Eine Spannung, die an keiner Stelle verloren geht, bis zum Schluss aufrechterhalten bleibt, und in einen grandiosen Schluss gipfelt, der seinesgleichen sucht.

Auf Grund seiner Thematik, die auch heute noch hoch aktuell ist, kann dieses Buch nicht nur den Liebhabern russischer Literatur empfohlen werden, nein, es muss auch jenen ans Herz gelegt werden, die sich selbst in einem Umbruch befinden, die selbst die Zweifel und die innere Zerrissenheit kennen, die den Menschen manchmal ergreifen können. Und auch wenn die Lektüre dieses Buches nicht unbedingt und nicht immer Trost einbringt, ja einen solchen gar nicht verspricht, kann sie helfen, alleine schon, weil der Leser erkennt, dass er nicht alleine ist.

 

[1] Turgenjew, Iwan: Väter und Söhne, München 2017, S. 36..

[2] Ebd. S. 73.

[3] Ebd. S. 73.

Iwan Turgenjew, „Väter und Söhne“. dtv, München 2017. 334 Seiten.