Gefeiert und verspottet. Französische Malerei 1820-1880. Eine Rezension.

Eugène Giraud (1806-1881). "Le Bal de l'Opéra". Huile sur toile. Paris, musée Carnavalet.

Wer an Kunst aus Frankreich im 19. Jahrhundert denkt, dem kommen vor allem die Impressionisten, und hier vor allem Claude Monet mit seinen Seerosen, in den Sinn. Doch die französische Malerei dieser Zeit hat viel mehr zu bieten als diesen einzelnen Meister seines Fachs. Das Kunsthaus Zürich unternimmt nun einen Versuch, dieses Missverständnis, diesen gedanklichen Kurzschluss, zu korrigieren. Mit der Sonderausstellung Gefeiert und verspottet. Französische Malerei 1820-1880 rückt das Museum nun auch Künstler ins Zentrum der Betrachtung, die den meisten Menschen ausserhalb der kunstgeschichtlichen Szene unbekannt sind. Dieser Versuch alleine ist schon lobenswert, die Umsetzung aber ist sogar genial.

 

Wie gestaltet sich diese Umsetzung? In gewisser Weise handelt es sich um eine chronologische Ausstellung, beginnt sie doch im ersten Saal mit einigen Werken von Jean-Auguste-Dominique Ingres, der um 1820 bereits vierzigjährig und offiziell anerkannt war, so erhielt er 1825 etwa das Kreuz der Ehrenlegion. Mit seinem klassizistischen Stil erhielt er grosse Aufmerksamkeit und grosses Lob, stellte immer wieder im Salon de Paris aus, einer jährlichen Ausstellung der zeitgenössischen französischen Kunst, an der nichts vorbeiführte und die heute auch für ihre konservative Haltung bekannt ist. Enden tut die Ausstellung mit Gemälden der Impressionisten rund um Claude Monet und vor allem auch Alfred Arthur Sisley, die sicherlich zukunftsweisend waren. Die Ausstellung ist aber, wie oben bereits angetönt, nur in gewisser Weise chronologisch, denn neben das zeitliche Ordnungsraster treten in den verschiedenen Sälen auch Unterteilungen nach Themenbereichen, etwa Aktbilder und Porträts, sowie nach Strömungen, etwa Romantik und Realismus. Auf diese Weise gelingt es dem Kunsthaus ein Panorama der französischen Malerei zu entfalten, das vor allem in seiner Vielseitigkeit angenehm überrascht und der Thematik des Stoffes gerecht wird. Besonders erfreulich ist dabei wie schon angesprochen, dass der heutigen Gegenwart kaum bekannte Künstler in ihrem Schaffen und Wirken vorgestellt werden, beispielsweise Eugène Giraud mit seinem wunderschönen Le bal de l’Opéra, das auch das Plakat zur Ausstellung ziert und als Titelbild dieses Beitrags fungiert, freundlich bereit gestellt vom Kunsthaus Zürich.

Die Ausstellung lebt aber nicht nur von dieser Vielfalt, sondern auch von den zahlreichen Höhepunkten, mit denen sie sich schmückt. Ein erster dieser Höhepunkte findet sich gleich nach dem Eingang in einem abgedunkelten, hohen und abgetrennten Saal, der einer kleineren Version der Skulptur Die Pythia, welche in der Pariser Oper zu finden ist, Raum bietet. Erschaffen wurde dieses grossartige Werk von Marcello, einem Pseudonym hinter dem sich die Künstlerin Adèle d’Affry verbirgt. Der ganze Firlefanz, der die Plastik umgibt, verschiedenste Zitate zur Malerei und Bildhauerei dieser Zeit, die immer wieder aufleuchten und verblassen, hätte dabei nicht sein müssen, auch wenn sich darunter doch ein oder zwei interessante Aussagen finden, etwa ein Ausspruch des Schriftstellers Émile Zola von 1886: „Unsere Väter haben über Courbet gelacht, und wir geraten bei seinem Anblick in Verzückung; wir lachen über Manet, und unsere Söhne werden vor seinen Bildern in Verzückung geraten.“ Die Ausstellung bietet dem Besucher sodann auch Werke dieser beiden Künstler, etwa L’évasion de Rochefort von Eduard Manet oder das besonders hervorzuhebende Gemälde La source von 1862. Letzteres bildet auch auf Grund der zusätzlichen Informationen, die man über den gut gemachten Audioguide erhält, einen weiteren Höhepunkt von Verspottet und gefeiert, erfährt man doch, dass das Bild zu seiner Entstehungszeit enorm provoziert hat. Aber nicht etwa, weil es sich um einen Akt handelt, sondern auf Grund der Gestaltungsweise. Denn mit diesem Werk wendet sich Courbet von den idealistischen Vorstellungen, die vom Publikum sehr geschätzt wurden, ab, hin zu einer realistischeren Darstellung des menschlichen Körpers, die nicht mehr dem Schönheitssinn der damaligen Zeit entsprach.

 

Mit diesem Nebeneinander von ergreifender Vielfalt und erstaunlichen Höhepunkten gelingt es dem Kunsthaus Zürich, eine abwechslungsreiche und dennoch tiefgründige Ausstellung zu gestalten, welche für jede Besucherin und jeden Besucher etwas zu bieten hat. Sie ist höchst sehenswert und ebenso belehrend wie unterhaltsam. Und auch der Kunstexpertin oder dem Kunstexperten dürften ein oder zwei Namen begegnen, die ihr oder ihm zuvor wenig bis kaum bekannt waren. Es bleibt eigentlich nur festzustellen, dass die Ausführung dem Stoff gerecht wird und kongenial genannt werden muss.

Kunsthaus Zürich: Gefeiert und verspottet. Französische Malerei 1820-1880. 10. November 2017 bis 28. Januar 2018.