Wie die Steeple Sinderby Wanderers den Pokal holten von Joseph Lloyd Carr. Eine Rezension.

Freud und Leid liegen oft nahe beieinander, so auch im Sport und vor allem in einem wechselhaften Spiel wie Fussball. Von dieser Dialektik zeugt auch das 2017 erstmals auf Deutsch erschienene Buch Wie die Steeple Sinderby Wanderers den Pokal holten von Joseph Lloyd Carr. Dieses kurze Werk, es umfasst gerade einmal 191 Seiten und man wünschte sich es wären unendlich viele mehr, kam in England 1975 unter dem Titel How Steeple Sinderby Won the FA Cup heraus. Carr ist im deutschen Sprachraum kaum bekannt und wird eben jetzt erst entdeckt. Allenfalls ist noch sein Buch Ein Monat auf dem Land dem einen oder anderen ein Begriff, wurde dieses doch 1980 für den Booker-Preis nominiert und 2016 vom DuMont-Verlag, in dem auch das hier besprochene Buch veröffentlicht wurde, herausgegeben. Diese Unbekanntheit von Carr und im Speziellen von Wie die Steeple Sinderby Wanderers den Pokal holten ist äusserst schade, denn das Bändchen hat viel zu bieten.

Dabei ist die Haupthandlung des Romans denkbar simpel. Er behandelt die Geschichte eines fiktiven Fussballwunders, das darin besteht, dass eine kleine Amateurmannschaft eines kleinen Dorfes in Yorkshire den FA-Cup gewinnt und auf dem Weg zum Sieg sogar die besten und berühmtesten Profivereine ausschaltet. Was das Buch aber so lesenswert macht, ist jedoch nicht dieses glänzend geschilderte Wunder, sondern die Tragödien und Komödien, die den Geist des Dorfes Steeple Sinderby prägen und die von dem Ich-Erzähler Joe Gidner, dem ehrenamtlichen Sekretär des Clubs, gnadenlos und mit viel Humor, aber auch einer guten Prise Sensibilität offengelegt werden. Bei Gidner handelt es sich um einen gescheiterten Theologiestudenten, der Zuflucht und Lebenszweck auf dem Land sucht, ohne Letzteren jedoch zu finden. Bis in dem Club der Traum des FA-Cups auflebt, der den noch jungen, aber gebrochenen Erzähler mit eben diesem Daseinsgrund beseelt. Für einen Sommer lang findet er jenen Sinn, den er sonst sein ganzes Leben vergeblich angestrebt hat. Was genau er in seinem Leben vor Steeple Sinderby, in dem er sich nun als Grusskartenversschreiber über Wasser hält, erleiden musste, bleibt ungewiss. Man kann als Leserin oder Leser nur spekulieren. Vielleicht steckt ein Liebesdrama hinter dem Ganzen, vielleicht aber ganz einfach auch nur eine sogenannte Glaubenskrise, die Joe Gidner am Weiterstudieren hindert. Diese dunklen Stellen in der Biographie des Erzählers gehört zu den grossen Stärken des Romans, weil man sich als Lesender stetig fragt, was wohl geschehen sein mag. Dies wiederum regt die Phantasie an und sorgt dafür, dass das Dorf von dem eigenen Geist in den schillerndsten Farben gezeichnet wird. Dabei werden die Leben der anderen Hauptfiguren bis ins kleinste Detail enthüllt, was einen wunderbaren Kontrast zu Joe bildet und so das Mysterium noch einmal intensiviert. Da ist beispielsweise der Exil-Ungare und Wahlbrite Dr. Kossuth, dem es als das Genie, das er verkörpert, gelingt, die Gesetze des Fussballs auf einfache Grundprinzipien zu reduzieren und den Triumph der Wanderers so erst ermöglicht. Da ist auch der Ex-Profifussballer Alex Slingsby, der aus Liebe zu seiner verunfallten Frau in die Provinz gezogen ist, um näher bei deren Familie zu sein. Und da ist auch noch der geadelte Mr. Fangfoss, der den Club organisatorisch und mit viel Willenskraft unterstützt. Es sind diese vier Figuren, die den Sieg möglich machen und die Wanderers in die Ruhmeshallen der Fussballgeschichte führen.

Der Bericht von Joe Gidner, der den Leserinnen und Lesern vorgelegt wird, stellt nach dem Ich-Erzähler eine Rohfassung der Chronik dar, die ihm von Mr. Fangfoss, der auch Vorstandsvorsitzender des Clubs ist, aufgetragen wurde. Er stellt ein geschickt verknotetes und verknüpftes Gewebe von verschiedensten Stilen und Prosaformen dar. So werden teilweise sehr persönliche Schilderungen von Gidner mit Zeitungsschlagzeilen, Sitzungsprotokollen und Sportberichterstattungen verbunden. Stets bleibt der Ich-Erzähler dabei im Hintergrund und beobachtet den Aufstieg der Wanderers mit einer Mischung aus Freude und Traurigkeit, die wohl von dem Wissen um das Ende der von ihm berichteten Erfolgsstory herrührt. Carr gelingt mit diesen verschiedenen literarischen Formen und Techniken ein Meisterstück, das auf eleganteste Weise Humor und Melancholie miteinander verbindet. Es ist dem Autor aber auch zu Gute zu halten, dass er zwar aufzeigt, wie Fussball dem Leben der Menschen Glück und Erfüllung sowie einen Sinn spenden kann, aber gleichzeitig den Leserinnen und Lesern auch klar macht, dass dies eben keine dauerhafte Lösung sein kann, dass es Wichtigeres und Höheres gibt als den Sport. So hinterlässt die Glanztat der Steeple Sinderby Wanderers in Joe Gidner sowohl Stolz als auch eine immense Niedergeschlagenheit, weiss er doch um die Unmöglichkeit, diese Tat zu wiederholen. In dem Bewusstsein, dass der Sieg niemals wiederkehren wird, bleibt er allein zurück, seine Kameraden hat es in alle Himmelsrichtungen verstreut, und trauert um die auf immer verlorene Vergangenheit. So gesehen gelingt es Carr auch, das bereits von Schiller theoretisch erkundete Konzept der sentimentalen Kunst, umzusetzen. Und von dieser Sentimentalität im besten und vielleicht einzig wahren Sinne zeugt auch der letzte Abschnitt des Buchs: „Eines Samstags im Januar stand ich in der Abenddämmerung beim Predigerkreuz, und plötzlich spürte ich Mr. Fangfoss‘ Gegenwart. „Mr Gidner“, sagte er, „ich weiß, was Sie hier suchen. Aber es ist vorbei und wird nie mehr wiederkehren.“ Dann – und nur für diesen einen, winzigen Moment – verriet sich unser Vorsitzender. „Und das ist jammerschade, mein Junge“, fügte er hinzu.“[1]

[1] Carr, Joseph Lloyd: Wie die Steeple Sinderby Wanderers den Pokal holten, Köln 2017, S. 190 f.

Joseph Lloyd Carr, Wie die Steeple Synderby Wanderers den Pokal holten. DuMont, Köln 2017. 191 Seiten.