Der Wert der Oper. Ein kurzes Plädoyer

 

In der heutigen Zeit besuchen nur noch wenige Menschen die Oper. Dies hat viele Gründe, einer davon ist der hohe Preis für ein Billette. Aber wie George Orwell in seinem präzise formulierten und gut recherchierten Text Books v. cigarettes ausgerechnet hat, geben auch einfachere Leute wesentlich mehr Geld für Alkohol und Zigaretten aus als für Bücher und könnten sich letztere auf Kosten der ersteren sehr wohl leisten.[1] Ich denke, dasselbe gilt auch für die Oper.

Aber natürlich hat die Oper einen Wert, der über die rein preisliche Frage hinaus geht. Zunächst einmal ist festzustellen, dass einem für sein Geld während einer Aufführung von eineinhalb bis zu fünf Stunden viel geboten wird. Denn die Oper ist ein Gesamtkunstwerk, das in sich Theater, Musik und Malerei vereint. Ein riesiger Orchestergraben spielt zu einer dramatischen Handlung gross auf und Hintergrund dieser Handlung ist ein teilweise äusserst aufwendiges Bühnenbild, an dessen Meisterung und Vervollkommnung sich auch schon ein gestandener Künstler wie Georg Baselitz versucht hat. Und auch jenseits der Bühne herrscht Spektakel. Die Oper wird nicht nur zum Sehen besucht, sondern auch zum Gesehen werden. So findet sich zu den Bayreuther Festspielen regelmässig Prominenz aus Politik und Gesellschaft ein, fein herausgeputzt natürlich. Man mag dabei von der Bundeskanzlerin Angela Merkel halten, was man will, spannend ist das Ganze allzumal.

Ein weiteres Argument für einen Besuch der Oper ist die Handlung des Bühnenstücks. Einerseits besprechen sämtliche Genres und Themenbereiche Motive, die seit jeher in ihrem grundsätzlichen Wesen Teil der menschlichen Kultur und Erzählkunst sind. Andererseits sind die aufgeführten Stücke in den verschiedenen Opernhäusern dieser Welt aber auch enorm vielfältig und bieten immer wieder Neues für Herz, Geist und Sinne. So werden in einer Oper wie Richard Strauss’ Salome abgründige Gelüste mit biblischen Szenerien und Inhalten  kombiniert, die ein rein ästhetisch gesehen schönes Ganzes bilden, während in Mozarts Zauberflöte schon beinahe kindliche Anklänge auf den Zuhörer, respektive Zuschauer einwirken.

Dann wäre da noch die Musik, die einen immer wieder gefangen nimmt. Immer wieder geniesse ich die Schalmeien und den Pilgerchor aus Richard Wagners Tannhäuser, der etwas Ursprüngliches im Hörer berührt. Die Musik ist dabei ebenso vielfältig wie die Handlung, zu der sie immer in Beziehung gesetzt wird. Sie kann bezaubern und irritieren und locken und verführen und ja, auch provozieren.

Zuletzt möchte ich zur Verteidigung der Oper noch anführen, dass sie wie auch das Theater beim Besucher der Aufführung zu einer Katharsis führt. Dieser dem Altgriechischen entstammende Begriff kann als Reinigung der Gefühle oder auch als Reinigung von den Gefühlen übersetzt werden. Gerade durch Mord und Totschlag und Gewalt und Sex, die alle ihren Platz in der Oper haben, dienen sie als ein Ventil für die nicht zu bändigende Begierde der Phantasie und des Unbewussten. Daneben zelebriert die Oper durch ihre Behandlung eben dieser Träumereien das zutiefst Menschliche und das allzu Menschliche.

[1] Orwell, George: Books v. Cigarettes, in: Orwell, George: Books v. Cigarettes, London 2008, S. 1-7, S. 1-7.